Da
erweist es sich dann als fatal, dass die glücklich Ausgebildeten
dummerweise während der Ausbildung über Geld gar nichts gelernt haben,
außer dass man es braucht, dass man immer zu wenig hat und dass es ganz
toll wäre, wenn man ganz viel davon hätte.
Dieses beklagenswerte Defizit der öffentlichen
Grundausbildung muss natürlich
behoben werden und ruft sofort die privaten, freischaffenden Anbieter
auf den Plan. Reichtum ohne Ende. Millionär wahlweise in 7 oder 3
Jahren wenn nicht gar im Hand umdrehen. Alles ist möglich. Im
Bauchladen der Glückseligkeit ist für jeden etwas dabei, entweder zu
unwiderstehlichen Schnäppchenpreisen oder als gehobene
Premium-Programme mit VIP-Lounge für betuchtere Klientel.
Produkte
mit Aussicht auf Riesengewinne, Fonds, Zertifikate, Beteiligungen,
Bücher, Börsendienste, Ratgeber und Seminare prasseln auf die Suchenden
ein. Todsichere Tipps sind in vieler Munde.
Wenn
diese Geldmaschinen so toll funktionieren, wozu braucht man dann
eigentlich noch unser Geld? Die Anbieter müssen doch nur selbst ihre
Bestseller anwenden. Wenn sie dann ihr Schäfchen im Trockenen haben, es
sei ihnen gegönnt, entfällt doch die Notwendigkeit, noch einmal bei uns
zu abzukassieren. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen wohl doch
einige Lücken. Deshalb gibt’s nichts umsonst. Zu Wohlstand reicht es in
der Regel nur für die Hersteller und Verkäufer der Produkte.
Womit
wir wieder bei der Ausgangsfrage sind. Bildung und Weiterbildung
umsonst?
Unser
Verstand lässt uns gerade da im Stich, wo seine scharfe Klinge
gefordert wäre. Umsonst? Das widerstrebt vielen Menschen. „Nehmen ohne
zu geben, schickt sich nicht.“ Also revanchieren möchte man sich schon.
Ein tief verwurzelter innerer Reflex ist dieses Prinzip auf
Gegenseitigkeit. Es reicht zurück bis in jene Zeiten, in denen
gegenseitige Unterstützung einfach überlebensnotwendig war. Knallhart
wird diese soziale menschliche Ureigenschaft heutzutage
verkaufs- psychologisch eingesetzt und ausgebeutet.
Jedes
kleine Pröbchen, jedes Treuepünktchen, ein Gratis hier eine Zugabe
dort, jedes „kostenlos und unverbindlich“, Kundenkarten von Silber über
Gold zu Platin, die Verleihung des VIP-Status und das Schnittchen am
Buffet versuchen uns bei diesem Urinstinkt zu packen.
Mit
unserem Paybackkärtchen rollen wir nur ungern zu einer anderen
Tankstelle. Als blöd gilt, wer nicht mitnimmt, was mitgenommen werden
kann. Unmerklich, tief im Unterbewusstsein fängt bereits eine Hand an,
die andere zu waschen. Intuitiv ist den Menschen bewusst, dass Sie
manipuliert werden. Sie können der Manipulation nicht ganz entrinnen,
kultivieren aber immer häufiger ein Misstrauen gegen Vieles, was
kostenlos daher kommt. „Der ist so freundlich, der will bestimmt
irgendwas von mir“.
Diese
Entwicklung ist natürlich schade, weil Wesentliches im Leben
tatsächlich kein Geld kostet und es Dinge gibt, die man einfach nicht
kaufen kann.
Trotz
allem: auf leisen Sohlen inzwischen unübersehbar sind auch
wirtschaftlich Gegenpole zur konsequenten Kommerzialisierung unseres
gesamten Daseins entstanden. Nehmen wir als ein Beispiel die
Informationstechnologie. Das Rückgrat des Internet bilden zahllose
Computer. Mit diesen sogenannten Computerfarmen halten die Provider das
weltweite Netz in Schwung. Diese modernen Computer sind zu einem großen
Teil „Linux-Server“. Dass heißt, wichtige Computer dieser Welt tun
ihren Dienst mit einem Betriebssystem, das kostenlos erstellt und
weiter verbreitet wird.
Es
darf nicht im klassischen Sinn verkauft werden. Der Programmcode
von
Linux ist allgemein öffentlich zugänglich. Geheimniskrämerei gibt es
nicht. 75 % der 500 Top „Super Computer“ der Welt liefen bereits im
Jahre 2006 unter diesem offenen Betriebssystem. Wir bekommen es nur
noch nicht mit, weil sich auf unserer Ebene unentwegt noch die Bill
Gates Windows auf dem Bildschirm öffnen.
Unter
dem Begriff „Public Domain“ stehen heute unzählige Programme
kostenlos
für PC-Benutzer und Benutzerinnen zur Verfügung. "Opem Source"
entwickelt sich langsam aber sicher zum nicht mehr umkehrbaren Trend.
„Soziale Netzwerke“ wie Facebook machen sogar Hollywood-Karriere.
In
der Geldwirtschaft ist man halt noch nicht soweit. Da müsste sich
ein
Teil der Akteure selbst abschaffen oder völlig umdenken. Solch
revolutionäre Ansätze sehen wir derzeit nicht. Wo sollen sie auch
herkommen, wenn selbst einer der mächtigsten Männer der Erde an
notwendigen Reformen scheitert.
Mit
der Feststellung „Wallstreet ist nicht gebändigt, sondern auch
einflussreich in seiner Regierung, …“ listet der Berliner Tagesspiegel
auf der ersten Seite am 26.04.2011 (*) eine ganze Latte nicht
eingehaltener Versprechungen des amerikanischen Präsidenten auf.
Es
bleibt ein unangefochtenes Geschäftskonzept der Finanzbranche: die
werte Kundschaft für „Kapitalanlagen“, in welcher Form auch immer,
unterschreibt von vornherein, dass sie mit der Möglichkeit rechnen
muss, ihr investiertes Geld könnte sich in Luft auflösen. Risiko nennt
man das, elegant verlagert in eine einzige Richtung.
Auf
diese Modelle können wir gern verzichten.
Die
Risiken gelten übrigens auch für die gesetzliche
Rentenversicherung.
„Die Rente ist sicher“ plakatierte einst ein deutscher Minister. Kein
Politiker und keine Politikerin wird sich heutzutage auch nur in die
Nähe einer solchen Aussage wagen.
Die
moderne Variante kommt nun als „notwendige private Vorsorge“ mit
den
Erfindungen „Riester“ und „Rürup“ daher, verklausuliert mit
Nebelkerzen, wie „demographischer Faktor“, „Lohnnebenkosten“ und
„Globalisierung“.
Der
letzte Schrei im Horrorsortiment sind Schirme, Rettungsschirme
immer
größer und größer. Inzwischen muss nicht nur eine komplette Währung
gerettet werden. Ein ganzer Kontinent schwebt in Lebensgefahr.
"Scheitert der Euro, scheitert Europa". Wer hätte gedacht, dass alles
so simpel ist.
Die
alte Formel "friss oder stirb" wird nur neu eingekleidet. Das
kostet
die Boten dieser Nachricht nichts aber dem fleißigen Volk die
Ersparnisse.
(*) DER TAGESSPIEGEL
(26. April 2011):
Obama, Die Versprechen
des Mr. Change, von Stephan-Andreas Casdorff